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Gudrun Pausewang

Ein wunderbarer Vater


Die Autorin Gudrun Pausewang, die in diesem Jahr für ihr Lebenswerk
ausgezeichnet worden ist, bleibt auch mit diesem Werk einem ihrer selbstbestimmten Anliegen, der Warnung vor kriegerischen Auseinandersetzungen, treu. Dieses Mal aber handelt die Geschichte nicht vom Atomkrieg und von nuklearen Waffen, sondern von einem Problem, das die Menschen aller Völker in ihrem intimen Familienleben betreffen kann: Der Verrohung menschlicher Gefühle, einem Atavismus, der sich im Krieg in der Vergewaltigung von Frauen des Besiegten Luft verschaffen kann. Dieses Problem ist so alt wie die Menschheit, aber es hat seinen Schrecken noch immer nicht verloren. Dennoch ist das Buch der Autorin ein versöhnliches, lesenswertes Buch, das viele überraschende Momente enthält.
Gudrun Pausewang schreibt diesen Roman aus der Ich-Perspektive des Protagonisten und verschafft dem Leser dadurch ein Gefühl der Authentizität des Erzählten. Im spannendsten Kapitel greift sie zum schnellen Wortwechsel, einem Mittel, das auch im Drama genutzt wird. Ihr Sprachstil ist wie immer unverwechselbar hoch und dennoch nah an der jugendlichen Leserschaft.
Auf dem Cover sind zwei Fotographien zu sehen, das des Protagonisten Milan und eines von dessen Vater, ein vierblättriges Glückskleeblatt und eine Taschenuhr, die fünf vor zwölf zeigt. Der Leser vermag anhand dieses Arrangements verschiedene Ideen haben, was das Buch erzählen wird, er wird aber vermutlich nicht die richtige Lösung finden.
Milan, ein junger Mann von 15 Jahren, bekommt von seinem Geschichtslehrer Dr. Bügel, der mitunter originelle Aufgaben stellt, aufgetragen, die Ahnentafel seiner Vorfahren zu entwickeln. Zunächst scheint ihm das eine Kleinigkeit zu sein, die er in weniger als zwei Stunden erledigen könnte, doch da irrt er. Milan entdeckt einen weißen Fleck in seinen Aufzeichnungen, den er nicht mit einem Namen füllen kann.
Geschichte ist das Lieblingsfach von Milan, und so macht er sich mit Feuereifer an die Arbeit.
Dieses Hobby teilt er mit seinem Freund Victor, einem Aussiedler aus Russland, in dessen Familie es viel lebhafter zugeht als bei ihm, da Victor noch zwei Brüder und zwei Schwestern hat. Milan genießt den Trubel in der Familie seines Freundes ebenso wie die Ruhe daheim, wo er allein mit seiner Mutter Regine und seiner Großtante Erika lebt. Seine Mutter ist Schulleiterin und daher wegen ihrer beruflichen Belastung oft nicht zuhause. Erika versorgt ihn dann mit einem warmen Mittagessen, freut sich an seiner Gesellschaft und erzählt ihm viel von früher. Dabei spielt die Flucht häufig eine große Rolle.
Die Großtante ist meist sehr gesprächig und wiederholt oft, was sie Milan schon mehrfach erzählt hat, und so kommt es, dass dieser nicht immer konzentriert zuhört. Außerdem behandelt sie ihn immer noch wie ein Kind, packt ihm den Teller viel zu voll und umsorgt ihn so, dass es ihm häufig zuviel wird, denn Widerstand gegen ihre liebevollen Bemühungen wagt er noch kaum zu leisten.
Seinen Vater hat Milan nie kennen gelernt, denn seine Mutter war diesem zu einer Zeit begegnet, als beide noch studierten. Als sie nach der dreiwöchigen Bergwanderung durch Mähren feststellte, dass sie schwanger ist, hatte sie sich bereits wieder von ihm getrennt. Sie wollte sich und ihrem Ex-Freund beweisen, dass sie auch allein fähig wäre, das Kind groß zu ziehen, und so bekam der Junge lediglich den Vornamen seines Vaters. Ab und zu schickte er ihm einen Scheck und schließlich seine Ahnentafel, auf die er sehr stolz zu sein schien, denn sie enthielt viele adelige Namen und reichte zurück bis ins 16. Jahrhundert. Den Kontakt zu seinem Sohn hat dieser Mann nie gesucht, wie Milans Mutter Regine vermutet, will die Ehefrau diesen Kontakt nicht.
Durch die Aufgabe des Geschichtslehrers möchte Milan seine Großtante Erika nun genauer befragen, was die Flucht angeht, denn es macht ihn stutzig, dass sie die Flucht immer nur bis zu dem Aufenthalt in einem Waldstück beschreibt und die
Erzählung erst dann wieder beginnen lässt, wenn der Treck den Wald wieder verlässt. Auch der Vorname „Peter“, den sein Großvater erhalten hat, macht ihn misstrauisch, denn Berichten von Erika zufolge hätte er nach Absprache zwischen den Eheleuten den Namen seines Vaters, also Karl heißen sollen.
Dieses Geheimnis zu lösen, nimmt Milan sich nun vor, und mit Hilfe der ehemaligen Lehrerin seines Großvaters und von Frau Meckelheimer, die damals ebenfalls Mitreisende bei dem Flüchtlingstreck gewesen ist, wird ihm das auch gelingen.
Milan wird durch dieses Puzzelspiel, Peters Herkunft zu klären, auch den Mut gewinnen, die Bekanntschaft mit seinem eigenen Vaters zu suchen.


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Donnerstag, 09. September 2010

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